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Ein Jahr Jonathan

Wenn man mit sich im Reinen ist, ist Elternwerden eine gute Sache und da wir beide vor 2 Jahren gewußt haben dass a) wir nicht jünger werden b) wir Kinder können c) Schlaf total überbewertet ist d) es uns gut geht, war also alles gut – lass uns schwanger werden.
Eh super, Schwangerschaft. Kurz zusammengefasst Verena war knackbraun weil Schwimmbadsaisonkarte und hatte stets leichten Appetit. Zugenommen hat sie lediglich 6 Kilo und man sah eigentlich nix. Außer dem Bauch halt. Jonathan, damals noch Borki genannt (Borki Borkenkäfer, geschlechtslos), war also oft schwimmen und bekam schon im Bauch nur die beste Musik zu hören.

Dann fährt man ins Krankenhaus, brüllt rum und freut sich des Lebens.

Ein ganzes Jahr Vater und Mutter sein ist wohl das Aufregendste was es bis jetzt gab. Und auch das Beste. Kann man klar weiterempfehlen. Das klischeehafte „Jemand ist ein Sonnenschein“ wird innerhalb von kürzester Zeit zum wahrhaftigsten Satz den man kennt.

Der Kleine Mann hat sich prächtig entwickelt und ist ein schlauer Fuchs der gerne rumplappert, an Knöpfen dreht, weiß wie der Hund macht, und alles vom Tisch mit ißt, was uns eine der größten Freuden ist. Leckere Essiggurken, Matjesfilets, Brot und Käse, Weintrauben, Heidelbeeren, frische Tomaten vom Strauch aufm Balkon –  grod so schmecka duads eam.

Wir haben fleißig aufgeschrieben was er so kann und wann er es kann. Wann das erste Mal einen Kornspitz gegessen (1.9.) , wann er die erste Kugel auf die Kugelbahn gelegt hat (14.5.), wann das erste mal alleine sitzen (2.5.), wann Karotte mit den Händen drehen (24.3.), wann das erst Mal auf den Bauch gedreht (14.3.) und so weiter. Das ist vielleicht in 1-2 Jahren egal, oder wird von was Besserem (weiß wann der Blastbeat nicht gerade läuft) übertrumpft, aber zur Zeit oder damals in diesem Moment bedeutet es die Welt. Und das ist generell so, dass man mit Kind alles neu abwiegt, ob nicht die kleinen Dinge das schönste sind in ihrer Summe. Ob man generell nicht kleiner leben sollte und ob man noch ein Kastl/Dings braucht um sich besser zu fühlen. Wohl kaum. Ich schwof ab.

Joni sagt gerade oft „Woaaahhh“ und „Boaaahh“ wenn ihm was taugt, das finden wir klasse. Haare hat er noch nicht so viele, man könnte fast sagen Vater und Sohn treffen sich hier in der Mitte. Bücher mag er sehr gern und damit kann er sich auch schön alleine beschäftigen. Und die Kuh Liselotte wird jeden Morgen von der Bäuerin im Stall gemolken… Und Treppensteigen kann er auch schon. Der erste einzelne Schritt war vorgestern auch schon da, aber das lassen wir noch nicht so ganz gelten.

Der Schlaf. Der Schlaf das einzig wahre Gut.

Verena hat seit fast 1,5 Jahren nicht mehr ganz durch geschlafen. Dafür gibt es kein Achievement , sondern nur leicht besoffende Koordinationsschwierigkeiten wenn man in der Nacht total schlafdamisch ins andere Zimmer rennt. Und das machen wir noch so ca. 2 mal in der Nacht. Das nagt. Man reagiert auf Sätze wie „och unserer kommt in der Nacht gar nimma, schon seit 10 Monaten“ eher mit einem gedanklichen „ach fuck you“

Es nagt an der Gelassenheit und auch manchmal an der Beziehung, denn das weiche Bett ist eben oft nur mehr Schlafplatz.

Oft, wenn Joni morgens um halb 7 meint er muss jetzt Rezepte in Phantasieschwedisch vortragen, geh ich mit ihm ins Wohnzimmer und hab da meine Vater/Sohn Zeit bis ca. 9 Uhr. Dann sollte ich mal was Arbeiten. Weil mit der Arbeit soll man das Geld verdienen dass man benötigt um die Familie zu versorgen, bei der man eigentlich sein will wenn man in der Arbeit sitzt. Aber eigentlich hab ichs ja eh schön, denn ich kanns mir ja als selbstständiger Grafikkaspal schön einteilen, was und wieviel und abwiegen ob ich lieber zuhause sein will oder noch Geld verdienen soll. Aber man ist halt immer so ein wenig im Zwiespalt.

Nein, Verena und ich sind nicht zu 100% Eltern und wer das so macht liegt glaub ich auch falsch. Es gibt eben in der Beziehung nicht nur die Mama und den Papa, sondern auch den Stefan und die Verena, die noch ganz anderes Zeug machen/machen wollen wie Windel wickeln und duziduzi sagen. Es ist Arbeit da dran zu bleiben, an eigenen Projekten und sauberer Kleidung, aber es pegelt sich immerwieder ein. Zwar ist ständig alles im Wandel (mehr Wäsche, Regale erneut umräumen) aber es funktioniert. Es funktioniert sogar auf 69qm, was ich nicht gedacht hätte.

Jonathans Spitznamen waren im ersten Jahr unter anderen: Joni, Joooooni, Jornor, Knorzi, Dr. Knorzors lustige Yogastunde, Scharlatan, Baukran, Fuchs, Kleiner Mann, Knuspi, Knipsi, Borki, Kartoffel, Schnuckschnack, Firnson der Heidelbeervernichter.

Sicher können wir auch sagen, dass wir den Unfall Anfang des Jahres (just google Traunstein, Kinderwagen, Unfall) gut verdaut haben und wohl auch in gewisser Weise dadurch Lebensfreude gezogen haben, weil was soll uns noch passieren? Net viel. Alles ist gut, auch wenn man über die Versicherung nur den Kopf schütteln kann.

Jetzt, genau jetzt merkt man wie die Zeit vergeht. Nicht dann wenn einem langsam die Haare verlassen, das Kreuz mit regelmäßigen Schmerzen heimsucht oder man sich Gedanken macht ob man alles schön auf die Reihe bekommt. Jetzt definiere ich so, dass ich vor 45 Minuten eine lustige Wimpelkette gebastelt habe welche jetzt an unserer Eingangstür hängt und darunter groß die Zahl Eins steht. Aber was irgendwie noch besser ist: Es ist gut so, denn es passiert so viel Schönes.